Unsere Kritik von "Les Vêpres Siciliennes" in Berlin: Stolze Herzogin und empfindsamer Neu-Papa machen selten gespielte Verdi-Oper zu echtem Genuss

geschrieben von  Alexander Hildebrand Montag, 21 März 2022 20:17

Wir schließen uns der beim Applaus zu hörenden Erkenntnis an, dass die Premiere von Les Vêpres Siciliennes eine äußerst gelungene Aufführung ist. ... 

Gleich unter drei Titeln in drei Sprachen in verschiedenen Fassungen steht eine der unbekannteren Opern von Giuseppe Verdi auf den Spielplänen der Opernwelt: Die Originalfassung, die 1855 für Paris komponiert wurde und jetzt in der Deutschen Oper Berlin zu hören ist, heißt Les Vêpres Siciliennes. In Italien wird die Oper in der Landessprache aufgeführt und heißt dort I vespri siciliani, deutsche Opernfans kennen das Werk als Die sizilianische Vesper. In Berlin hatte die Oper, die nach den bekanntesten Verdiwerken Rigoletto, Il Trovatore und La Traviata, aber vor den Opern mit den historischen Stoffen entstand, auf Französisch in der Regie von Olivier Py und unter der musikalischen Leitung von Enrique Mazzola Premiere.

Musikalisch ist das Werk der La Traviata vor allem in den Rezitativen noch sehr nah. Da die Oper Les Vêpres Siciliennes aber viel heroischere Texte hat und größere Konflikte behandelt, ist die musikalische Dramatik vor allem in den Duetten und Ensembleszenen deutlich größer als in den vorherigen Opern. Die Oper Les Vêpres Siciliennes stimmt also musikalisch schon stark auf die Monumentalwerke Don Carlos und Aida ein.

Dabei sind die Duette die wahren Schätze in der abwechslungsreichen Musik. Sind die rund zwölf Jahre später entstandenen Szenen zwischen Don Carlo und Marquis Posa schon sehr ergreifend, haben bereits in Les Vêpres Siciliennes bereits die „Herrenduette“, also die Vater-Sohn-Musikstücke mit Henri und Guy de Montfort eine beeindruckende Substanz. Genauso interessant sind aber die Duette zwischen der einzigen weiblichen Hauptrolle Hélène und den Männern.

Wer kann, sollte versuchen, die Premierenbesetzung zu hören. Die Sopranistin Hulkar Sabirova ist eine stolze Herzogin Hélène. Sie geht aufs Ganze und beweist Nervenstärke beim anspruchsvollen Wechsel zwischen schnellen Läufen, großer Dramatik und anspruchsvollen Spitzentönen. Der zweite Star des Abends ist Thomas Lehman, der auf seine Jahre der Reife im Ensemble der Deutschen Oper jetzt große Taten in den Fachpartien des Heldenbaritons folgen lässt. Nach vielseitigem Ausdruck im Gesang und sehr glaubwürdigem Spiel zwischen bösem Vizekönig und verzweifeltem Vater erntet er großen Applaus. Schön auch, dass gerade sein Französisch am besten zu verstehen ist!

Enrique Mazzola und dem Team der Operndirektion der Deutschen Oper ist hoch anzurechnen, dass es schließlich gelungen ist, zwei weitere interessante Stimmen für diese Neuinszenierung zu besetzen. Die Italiener Piero Pretti als Herni und Roberto Tagliavini mühen sich erfolglos mit Französisch, sind aber in der bei Verdi geforderten großen Gestaltungsvielfalt hörenswert. Tagliavini kommt mit einer der sehr seltenen echten Bassstimmen daher, Pretti glänzt im Ausdruck und schließlich auch bei gewagten Spitzentönen etwa bis zum hohen D.

Enrique Mazzola führt die Sänger, das Orchester und den Chor zuverlässig und präzise durch die Oper. Eine Empfehlung sei hier noch gemacht, nämlich in Ruhe vorher die Interviews mit dem künstlerischen Team zu lesen, denn man hört nur, was man weiß… (LINK ZUM PROGRAMMHEFT DES ABENDS HIER)

Im zweiten Teil der Oper werden schließlich die großen Themen des Werkes (Besatzung, Rache, Morddrohungen) im Dreivierteltakt behandelt. Bei Traviata waren es noch die inneren Konflikte aufgrund einer Schwindsucht-Erkrankung, in Les Vêpres Siciliennes sind es Rache, Morddrohungen und kriegerische Auseinandersetzungen, die als Walzer gesetzt sind. Das Werk endet tragisch. Die Gouverneur Guy de Montfort und die zauberhafte Hélène werden von Jean de Procida ermordert, es gibt also weder ein Happy End noch eine friedliche Befreiung des sizilianischen Volkes.

Olivier Py ist der internationale Meister von Inszenierungen auf Drehbühnen. Für diese Oper ist diese Technik sicher ein Glücksgriff, denn es gelingen einerseits äußerst interessante, dunkle Innen- und Außensets und andererseits zügige und zeitsparende schnelle, interessante Umbauten. Die sieht jeder gern.

Schließlich belohnt das oft sehr kritische Berliner Premierenpublikum das Ensemble, Chor, Orchester und die Regie mit langem, intensivem Applaus. Wir schließen uns der Erkenntnis an, dass diese Premiere eine äußerst gelungene Aufführung ist. Nach den sieben Vorstellungen in der aktuellen Spielzeit ist dem Werk ein fester Platz im Repertoire zu wünschen. Die Aufführungen würden vielleicht nicht jedes Jahr ihr Publikum finden, aber alle paar Jahre könnte diese selten gespielte Verdi-Oper die Opernfans begeistern.

  • Musikalische Leitung: Enrique Mazzola
  • Inszenierung: Olivier Py
  • Bühne, Kostüme: Pierre-André Weitz
  • Dramaturgie: Jörg Königsdorf
  • Licht: Bertrand Killy
  • Chöre: Jeremy Bines
  • Hélène: Hulkar Sabirova
  • Ninetta: Arianna Manganello
  • Henri: Piero Pretti
  • Guy de Montfort: Thomas Lehman
  • Jean de Procida: Roberto Tagliavini
  • Thibault: Michael Kim
  • Danieli: Andrew Dickinson
  • Mainfroid: Jörg Schörner
  • Robert: Joel Allison
  • Le Sire de Béthune: Andrew Harris
  • Le Comte de Vaudemont: Byung Gil Kim

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