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"Anatevka" ist die erste von zwei Neuproduktionen in der Spielzeit 2017/18, mit denen die Komische Oper Berlin ihren 70. Geburtstag begeht und die an das Vermächtnis Walter Felsensteins erinnern.

"Anatevka" ist die erste von zwei Neuproduktionen in der Spielzeit 2017/18, mit denen die Komische Oper Berlin ihren 70. Geburtstag begeht und die an das Vermächtnis Walter Felsensteins erinnern.

„Anatevka“ zählt zu den bedeutendsten Musicals der Welt. 1964 am New Yorker Broadway uraufgeführt ist das Stück als wahrscheinlich lebensbejahendste „Liebesverwicklungsheiratstragikomödie“ des 20. Jahrhunderts auch die erfolgreichste Produktion in der Geschichte der Komischen Oper. In der Inszenierung von Walter Felsenstein wurde „Anatevka“ unter dem Titel „Der Fiedler auf dem Dach“   mehr 500 mal gespielt. Umso schöner, dass die Neuinszenierung in der Spielzeit des 70. Geburtstages der Komischen Oper eingerichtet wurde. Sogar Bundespräsident Frank-Walt Steinmeier gratulierte in einer kurzen Ansprache vor der Premiere.

Max Hopp als Milchbauer Tevje | Foto © Iko Freese via Komische Oper
Was bleibt, sind ein paar Möbel im Schnee...  | Foto © Iko Freese via Komische Oper
Familie und Freunde von Tevje in Angst vor den Pogromen...  | Foto © Iko Freese via Komische Oper
Alma Sadé als Hodel und Max Hopp als Milchbauer Tevje in der großen Abschiedszene im zweiten Teil | Foto © Iko Freese via Komische Oper

Bildergalerie von "Anatevka" . Alle Fotos  @ Iko Freese via Komische Oper Berlin

„Anatevka“ dreht sich um einfache Menschen in einem jüdischen Schtetl, deutsch etwa „Städtchen“, dass Anatevka heißt. Im Zentrum steht der arme Milchmann Tevje, seine Frau Golde und die die Töchter Zeitel, Hodel, Chava, Sprintze und Bielke. Erzählt wird eine zeitlose Geschichte über Tradition und Gemeinschaft, Familie und Liebe, über persönliche Lebensentscheidungen, Heimat und drohende Entwurzelung. Die Menschen sprudeln über vor Lebensfreude, aber ihr Leben und das Stück führen in die Katastrophe. Es endet mit der Vertreibung der liebenswerten Menschen, denn die Handlung des Musicals spielt im Osteuropa des frühen 20. Jahrhunderts.

Im wie immer in der Komischen Oper lesenswerten Programmheft erläutert Regisseur Barrie Kosky im Interview seine persönliche Beziehung zum Stück. Die Koskys stammen aus dem weißrussischen Schtetl Chashniki und Vorfahren des Regisseurs mussten diesen Ort 1905 verlassen, genau wie Tevje und Golde aus „Anatevka“. Sie flohen vor den Pogromen sogar nach Deutschland, wo sie nicht bleiben konnten und reisten weiter nach Australien, wo auch der 1968 geborene Intendant aufwuchs. So ist für den Regisseur des Abends gerade der Aspekt des Verlustes eines Zuhauses und die Suche nach einem neuen Platz in der Welt entscheidend. „Wo gehöre ich hin? Wo werde ich sein? Mit wem aus meiner Familie kann ich zusammen wohnen?“.

Schon das Bühnenbild von Rufus Didwiszus ist aus einer brillanten Idee entstanden. Im ersten Teil sind überdimensionale, aufgestapelte und ineinander verbaute Schränke aufgebaut, aus denen die Bewohner von Anatevka heraustreten und wieder abgehen. Die Schränke sehen aufgestapelt und spontan hingestellt aus, genauso improvisiert wie es damals die „Städtlein“ waren. Das ist witzig und originell.

Durch die Abwesenheit von Häuschen, Dächern und Eingangstüren ist der erste Teil voller Überraschungen. Besonders die Übergänge der einzelne Szenen sind elegant gelöst. Die aufgebauten Schränke sind auch noch auf einer Drehbühne platziert, und die Drehung der Bühne eröffnet stets neue, überraschend entstehende Räume: Vorne sind die „Stube“ der Familie und die „Zimmer“ der Dorfbewohner, auf der Rückseite ist der Dorfplatz für die Massenszenen mit Feierlichkeiten und Tanz. Der Wechsel geht auch von „intim“ zu „festlich“: Das Hochzeitspaar Zeitel/Mottel steht vorne im Licht. Das Paar bleibt stehen, aber alles um sie herum setzt sich drehend in Bewegung. Es erscheint auf der Rückseite der Schränke der Platz mit den Hochzeitsgästen, das ganze Dorf ist auf den Beinen. Die Gäste erscheinen, ohne dass sich das Brautpaar bewegt hat.

Hingucker des Abends in den Massenszenen sind, ganz Broadway, zwölf musicalerfahrene und auch im klassischen Ballett ausgebildete Tänzer (das Stück kommt ohne Tänzerinnen aus). Sie können alles: Kraftvolle Ballettsprünge, schnelle Polka-Drehungen und dann natürlich unterhaltsame russische Folklore! Das Gelingen der großen Szenen ist außerdem den spielfreudigen Chorsolisten der Komischen Oper Berlin zu verdanken, die dazu noch viele musikalische Akzente setzen.

Die Publikumslieblinge Max Hopp als Tevje und Dagmar Manzel als Golda sind unterhaltsame Charakterdarsteller, denen das „Timing“ der Pointen besonders gut gelingt. Sie transportieren auch über weite Strecken genau das Quäntchen Ironie, dass allgemein dem jüdischen Humor zugesprochen wird. Beispiel gefällig, nur vom Zuhören niedergeschrieben? Szene zwischen dem Metzger Lazar (Jans Larsen) und Milchmann Tevje. Lazar: „Was hast Du von Deinem Bruder in Amerika gehört“? Tevje: „Nichts, aber es geht ihm gut“. Lazar: „Hat er denn geschrieben?“. Tevje: „Nein!“. Lazar: „Woher weißt Du dann, dass es ihm gut geht?“. Tevje:  „Ginge es ihm schlecht, hätte er ja schon geschrieben...!“.

Alles in allem gelingen Barrie Kosky und seinem kreativen Team, dem großen Solistenensemble und schließlich den „Sounddesignern“ Sebastian Lipski und Simon Böttler eine aufwändige, sehenswerte Inszenierung des Musical-Klassikers. Die ruhigen Dialoge sind genauso sehenswert wie die großen Massenszenen, wobei nochmals herausgestellt werden muss, dass Kosky gerade die großen Szenen mit vielen Menschen auf der Bühne besonders leicht von der Hand zu gehen scheinen. So hat die Komische Oper wieder einen sich bis auf weiteres sehr, sehr gut verkaufenden Musicalabend. Ob in der heutigen Zeit nochmal 500 Aufführungen einer Inszenierung laufen können, sei dahingestellt. Aber 80 bis 100 mal werden die Berliner und die vielen Besucher das Haus in den nächsten Jahren für dieses tolle Stück bestimmt füllen können. 

Anatevka

Musical von Jerry Bock

Basierend auf den Geschichten von Scholem Alejchem
Mit ausdrücklicher Genehmigung von Arnold Perl
Buch von Joseph Stein
Musik von Jerry Bock
Gesangstexte von Sheldon Harnick

Deutsch von Rolf Merz und Gerhard Merz-Hagen
Produziert für die Bühne in New York von Harold Prince
Original-Bühnenproduktion in New York inszeniert und choreografiert von Jerome Robbins

Uraufführung 1964 am New Yorker Imperial Theater

Premiere dieser Inszenierung am Sonntag, den 3. Dezember 2017
Von opernfan.de besuchte Aufführung: 2. Vorstellung am 5. Dezember 2017

Die Berichterstattung über die Aufführung auf der Website opernfan.de wurde vom Opernhaus unterstützt. 

  • Musikalische Leitung: Koen Schoots
  • Inszenierung: Barrie Kosky
  • Bühnenbild: Rufus Didwiszus
  • Kostüme: Klaus Bruns
  • Licht: Diego Leetz
  • Chöre: David Cavelius
  • Dramaturgie: Simon Berger

Tevje, Milchmann: Max Hopp;
Golde, seine Frau: Dagmar Manzel;
Zeitel, seine älteste Tochter: Talya Lieberman;
Hodel, zweite Tochter: Alma Sadé;
Chava, dritte Tochter Maria Fiselier;
Jente, eine Heiratsvermittlerin: Barbara Spitz;
Mottl Kamzoil, Schneider: Johannes Dunz;
Lazar Wolf, ein Metzger: Jens Larsen
Rabbi: Peter Renz;
Mendel, Sohn des Rabbis: Denis Milo;
Fruma-Sara, Lazar Wolfs erste Frau/Oma Zeitel, Goldes Großmutter: Sigalit Feig
u. a.


Chorsolisten, Tanzensemble und Statisterie der Komischen Oper Berlin u. a.


Kartentelefon: 030 / 47 99 74 00

Karteninfos: Hier entlang  zur Website der Komischen Oper Berlin.

 


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