Bizet in Frankfurt: Torero-Groupie Carmen in abwechslungsreicher Nummernrevue

  Donnerstag, 07 Juli 2016 23:50

Erfolgsregisseur Barrie Kosky bringt in Frankfurt die Oper Carmen mit völlig neuen Bildern heraus... 

„Jeder hat sein Carmen-Bild“, schreibt der Dramaturg Zsolt Horpácsy im Magazin der Oper Frankfurt über eine der berühmtesten Bühnenfiguren der Welt. Klar also, dass der schon auf dem Zenit seines Erfolges angekommene Barrie Kosky, Intendant und Chefregisseur der erfolgreichen Komischen Oper Berlin, in Frankfurt mit einer völlig neuen Bebilderung von Georges Bizets Erfolgswerk daher kommen würde. Dazu weckt auch seine Einschätzung im sehenswerten Youtube-Trailer Interesse: „Ein Stück wie Carmen hat keinen Kern, Carmen ist eine Welt“, so Kosky. Die Oper, oft eine Zurschaustellung spanischer Folklore im sonnigen Sevilla, ist auf der Frankfurter Bühne eine neuartige Nummernrevue.

Unter der musikwissenschaftlichen Leitung von Constantinos Carydis wurde für diese Produktion eine eigene Fassung eingerichtet. Zehn Minuten Musik sind zu hören, die sonst eher selten gespielt werden. Am markantesten ist ein B-Teil der Habanera. Toll, dass es hier nach den beiden üblicherweise gesungenen Strofen noch weiter geht! Carmen legt einfach nach, schildert weitere Ansichten über die Liebe und wird in diesem Moment auch zu einer noch tiefsinnigeren Figur. Das wirkt aus unserer Sicht vor allem interessant, da wir die ursprüngliche Habanera-Fassung („L'amour est un oiseau rebelle“!) stets zu kurz und etwas flach fanden. In dieser Fassung, mit einem kontrastierenden zweiten Teil, ist die Arie viel wirkungsvoller. Es scheint, also wurde Opernfans in aller Welt über Jahrzehnte eine viel schönere ergänzende Variante der Habanera vorenthalten.

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Carmen's Dreieck (Alle Fotos © M. Ritterhaus via Oper Frankfurt)

Carmen's Dreieck (Alle Fotos © M. Ritterhaus via Oper Frankfurt)

Der spielfreudige Chor auf der ausladenden Treppe.Vorne tanzend die Herren des Balletts.

Der spielfreudige Chor auf der ausladenden Treppe.Vorne tanzend die Herren des Balletts.

La Fumée! In Sevilla geht's treppauf, treppab...

La Fumée! In Sevilla geht's treppauf, treppab...

Der Aufbau der Inszenierung als Nummernrevue wird in Frankfurt durch eine Erzählerin betont, die aus dem Off die Handlung vorantreibt. So entfallen sämtliche Rezitative. Mit rauchiger Stimme im Marlene-Dietrich-Sound treibt sie das Stück voran. Ihr lässiger Tonfall ist ein einziges Understatement, aber die Idee der Einführung einer solchen Erzählerin trägt ohne Probleme über den ganzen Abend.

Tanja Ariane Baumgartner, die Carmen der besuchten Aufführung, wählt meist einen warmen, runden Klang. Besonders interessant gestaltet die erfahrene Sängerin, wenn sie den Ton etwas auf die Stimme legt und dadurch ganz nah am Chanson singt. An ihrer Seite ist Luc Robert ein ausdrucksstarker Don José, dem die lyrischen Passagen allerdings weniger leicht fallen als die expressiven Momente in der mittleren und oberen Lage. Schade, dass die Regie ihn etwas lahm wirken lässt. Der arme Mann muss erst über Stunden seinen langen, gauen Mantel anlassen. Dann darf er schließlich nur im hässlichen, olivfarbenen Armee-Hemd auftreten.

Witzig ist übrigens der Einfall, dass Carmen während des Vorspiels im Stierkampf-Kostüm auf der Bühne ist. Allerdings ist sie nicht unbedingt für alle gleich als Titelfigur zu erkennen. Sie ist hier eher der heimliche Torero-Groupie, wobei sie kurz darauf prompt Erfolg erntet. Sie bekommt nämlich bei Escamillos erstem Auftritt subito einen scheinbar lang ersehnten, langen Kuss.

Die gesamte Inszenierung spielt auf einer großen, ausladenden Treppe. Das Regieteam findet geschickte und abwechslungsreiche Auf- und Abgänge, interessante Gruppierungen und einfallsreiche Lichteffekte. Nachdem Carmen ihre große Schleppe auf der Treppe ausgebreitet hat schreitet Don Josè diagonal von rechts oben zur vorderen Mitte. Dabei ist ein heller Spot von links vorne auf ihn gerichtet, wodurch die Szene perfekt wirkte: Ein interessantes Kostüm auf einer Hingucker-Bühne, dazu eine akzentuierende Beleuchtung und ein bedrohlicher Schatten.

Diese Inzenierung ist also ein einziges Wow! Carmen läuft ein wie auf dem Planet der Affen? In Frankfurt kein Problem. Escamillo wird getragen wie ein Revuegirl? Kosky will es so. Und schließlich: am Ende ist alles nur ein Spiel, ein Traum, ein Abziehbild! Die frisch erstochene Carmen erhebt sich nach dem letzten Ton und zuckt nur still mit den Achseln, also wolle sie sagen: „Seht her, so kann’s gehen, also passt auf Euch auf“!

Einen sehr guten Eindruck über die Inszenierung gibt auch der rund siebenminütige Film über Carmen auf Youtube! Hier klicken für den Link, der in einem neuen Browserfenster öffnet! 

Carmen

Opéra comique in drei Akten | Text von Henri Meilhac und Ludovic Halévy nach der gleinnamigen Novelle von Prosper Mérimée (1845) 
Uraufführung am 3. März 1875, Opéra-Comique Paris. 
Nach der kritischen Ausgabe von Michael Rot für die Frankfurter Produktion eingerichtet von Constantinos Carydis. 
Gesprochene Texte nach Henri Meilhac, Ludovic Helévy und Prosper Mérimée eingerichtet von Barrie Kosky. 
In französischer Sprache mit deutschen Übertiteln. 

Premiere am Sonntag, den 5. Juni 2016
Besuchte 9. Vorstellung am Donnerstag, den 7. Juli 2016
Dauer ca 3.30 h, inklusive einer Pause 
In französischer Sprache mit deutschen Übertiteln. 

  • Musikalische Leitung: Sebastian Zierer
  • Regie: Barrie Kosky
  • Bühnenbild und Kostüme: Katrin Lea Tag
  • Licht: Joachim Klein
  • Choreografie: Otto Pichler
  • Dramaturgie: Zsolt Horpácsy
  • Chor: Tilman Michael
  • Kinderchor: Markus Ehmann

Besetzung:

Carmen , Zigeunerin: Tanja Ariane Baumgartner. Don José, Sergeant: Luc Robert. Micaëla: Juanita Lascarro. Escamillo, Torero: Andreas Bauer. Morales / Dancaïro: John Brancy. Remendado, Schmuggler: Michael Porter. Frasquita, Zigeunerin: Katharina Ruckgaber. Mercédès, Zigeunerin: Wallis Giunta. Zuniga, Leutnant: Kihwan Sim.

Frankfurter Opern- und Museumsorchester. 

Bitte beachten Sie auch in den nächsten Spielzeiten die frühzeitigen Ankündigungen dieser Inszenierung. 

Link zur Website der Oper Frankfurt

Die Theaterkasse der Oper Frankfurt hat die Telefonnummer (069) - 21 24 94 94. 

Wenn Sie diese Website auf einem Mobiltelefon lesen, können Sie einfach hier klicken, um anzurufen: +496921249494

Die Oper Frankfurt erreichen Sie am besten mit der örtlichen U-Bahn, Haltestelle Willy-Brandt-Platz. 

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