Höllenfahrt mit Happy End: „Schwanda, der Dudelsackpfeifer“ ist nach 90 Jahren wieder in Berlin zu erleben

  Sonntag, 06 März 2022 18:27

In der Komischen Oper Berlin ist eine Volksoper von Jaromír Weinberger zu sehen, die seit 1933 von den Spielplänen verbannt war. Hier unser Bericht vom Premierenabend. 

Ein Opernabend als Sprung ins kalte Wasser: So geht es den Premierenbesuchern in der Komischen Oper Berlin. Niemand hat Vorwissen bei der aufgeführten Volksoper mit dem schwerfälligen Titel „Schwanda, der Dudelsackpfeifer“ (das Original heißt auf Tschechisch: „Švanda dudák“), denn das Stück kam in Berlin seit 1933 nicht mehr zur Aufführung. Jaromír Weinberger schuf 1927 ein komisches aber zugleich durch seine hübsche Liebesgeschichte auch berührendes Werk, das in der deutschen Textfassung von Max Brod der Grundstein für Weinbergers kurze Weltkarriere war. Allein 1931 wurde das Stück über 2000 mal aufgeführt.

Die Handlung von „Schwanda, der Dudelsackpfeifer“

„Das Leben braucht Musik!“, erklärt Babinsky (Tenor), ein Taugenichts, gleichzeitig Volksheld und lebende Legende, den jungen Eheleuten Schwanda (Bariton) und Dorotka (Sopran). Sein Talent als Dudelsackspieler sollte der junge Bauer Schwanda nicht auf Dorffesten verschleudern, sondern in klingende Münzen verwandeln. Zudem lockt das größte Abenteuer: die weite Welt! Die beginnt laut Babinsky gleich nebenan, im Reich der Königin mit dem vereisten Herzen.

Schwanda stürzt los, spielt auf, gewinnt die unterkühlte Herrscherin und gleich ein ganzes Volk. Doch vor lauter Übermut vergaß er, die geliebte Frau an diesem erlebnisreichen Tag mitzunehmen!

Es kommt, wie es kommen muss, und der Leichtfuß Schwanda landet in der Hölle. Aus den Fängen des Teufels höchstpersönlich, einem Hort der Sterbenslangeweile, werden Schwanda und dessen verwettete Seele von Babinsky errettet, genauer gesagt: freigezockt. So wartet am Ende des Tages doch wieder Dorotka, die liebende Frau, auf den übermütigen Dudelsackspieler.

Ein Draufgänger und ein freiheitsliebender Sympathieträger

Bereits vor einigen Jahren hat sich die Komische Oper Berlin dem Werk des tschechisch-jüdischen Komponisten Jaromir Weinberger gewidmet. Damals lief eine Rekonstruktion der Operette Frühlingsstürme, jetzt folgt mit „Schwanda“ eine sogenannte Volksoper des 1896 in Prag geborenen Komponisten.

Die Figuren der Oper entstammen dem Schatz der böhmischen Volkssagen und „moderner Alltags-Mythengestalten“. So ist der liebenswerte, fahrende Räuber Babinsky auf der realen Vorlage eines sagenumwobenen Volkshelden des 19. Jahrhunderts entstanden. In Böhmen kennt ihn jedes Kind.

Weinberger dreht ein bisschen an der Wahrheit und macht den Verbrecher zum freiheitsliebenden Sympathieträger. Regisseur Andreas Homoki setzt noch einen drauf und gönnt dem mit luxuriösen Siegfried-Qualitäten ausgestatteten Tenor Tilmann Unger als Babyinski eine Show als Clark-Gable-Double. Die äußere Ähnlichkeit mit dem US-Schauspieler ist verblüffend. Babinskys roter Anzug ist die gesamte Aufführung über ein abwechslungsreicher Hingucker. Ob das Rot von Beginn an schon auf die Höllenfahrt hindeutet…?

Schwanda ist bereits mit Dorotka verheiratet. In der Oper geht es also nicht um ein Happy End mit Vermählung, sondern es geht um ein Wiederfinden nach einer Exkursion in die Hölle. Daniel Schmutzhard spielt den verführbaren Dudelsackspieler liebevoll und wendig. Er ist ein wohlklingender Bariton, der sich harmonisch mit der sehr schönen Sopranstimme von Kiandra Horwarth als Dorotka fügt. Faszinierend, dass die Dorotka-Rolle über weite Strecken relativ tief liegt und Kiandra Horwarth sogar gelegentlich mit ansprechendem Mezzo-Timbre singt.

Bei den mittelgroßen Rollen sticht der Bariton-Teufel von Philipp Meierhöfer hervor: Mit großem Spielwitz und komödiantischen Grimassen regiert er die Hölle. Seine Lieblingsbeschäftigung ist, die beiden im Feuer schmorenden Tyrannen Stalin und Hitler immer wieder zu erschießen. Eine sehenswerte Parodie!

Jens Larsen als miesgelaunter Magier und Ursula Hesse von den Steinen als vereiste Königin haben nur kurze, aber eindrückliche Momente. Weinberger gönnt der Königin starke musikalische Zitate: Aus dem Orchestergraben sind einerseits bei ihren Auftritten satte Puccini-Klänge zu hören, anderseits kommt sie mit jazzigen Zwischentönen daher. Es ist zu hören, dass Weinberger musikalisch mit dem Berliner Jazz der 20iger Jahre und aus seiner Zeit in Amerika mit der Musik am Broadway bestens vertraut war. Schön auch, dass einige theatralische Momente im Stück und in der Musik auch auf weitere Entwicklungen bei der Bühnenform Musical hindeuten.

Die Musik erinnert über weite Strecken an Volkslieder und Tänze aus Weinbergers böhmischer Heimat. In „Schwanda, der Dudelsackpfeifer“ treffen Smetana und Dvořak auf spätromantische Klänge im Stil von Franz Schreker, Erich Wolfgang Korngold und Richard Strauss. Passend zur großen Musik des in den Bläsersätzen etwas übersteuerten Orchesters, findet Andreas Homoki große, einfache Bilder, die geschickt und zügig ineinanderübergehen.

Die Oper „Schwanda, der Dudelsackpfeifer“ lief seit fast neunzig Jahren nicht meht in Berlin. In der interessanten Neuinszenierung in der Komischen Oper ist ihr ein fester Platz als wiederkehrende Rarität im Repertoire der nächsten Jahre zu wünschen.

Schwanda der Dudelsackpfeifer (Švanda dudák)

Volksoper in zwei Akten [1927] von Jaromír Weinberger
Libretto von Miloš Kareš
Deutsche Nachdichtung von Max Brod
In deutscher Sprache

  • Musikalische Leitung: Ainārs Rubiķis
  • Inszenierung: Andreas Homoki
  • Choreographie: Otto Pichler
  • Bühnenbild: Paul Zoller
  • Kostüme: Klaus Bruns
  • Dramaturgie: Simon Berger
  • Chöre: David Cavelius
  • Licht: Franck Evin

Besetzung der besuchten Premiere

  • Daniel Schmutzhard (Schwanda)
  • Kiandra Howarth (Dorotka)
  • Tilmann Unger (Babinský)
  • Ursula Hesse von den Steinen (Königin)
  • Jens Larsen (Magier)
  • Johannes Dunz (Richter)
  • Ivan Turšić (Scharfrichter/Der Höllenhauptmann)
  • Philipp Meierhöfer (Teufel)
  • Timothy Oliver (Des Teufels Famulus)

Chorsolisten der Komischen Oper Berlin u. a.
Es spielt das Orchester der Komischen Oper Berlin.

Besuchte Premiere am 5. März  2022, 7 weitere Aufführungen bis zum Ende der Spielzeit im Sommer 2022. 

Kartentelefon: 030 / 47 99 74 00

Karteninfos: Hier entlang  zur Website der Komischen Oper Berlin.

Die Berichterstattung über die Aufführung auf der Website opernfan.de wurde vom Opernhaus unterstützt. Dafür sagen wir herzlichen Dank! 

Letzte Änderung am Sonntag, 06 März 2022 18:51

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