"Die Gezeichneten" in der Komischen Oper Berlin: Von der Insel der Seligen in die "Psychokalypse" Empfehlung

  Sonntag, 21 Januar 2018 23:55

In "Die Gezeichneten" geht es um schlimme Verbrechen an Kindern. Die Oper von Franz Schreker hatte jetzt in der Komischen Oper Berlin Premiere. Hier ist unser Bericht. 

Mit „Die Gezeichneten“ feierte nach „Pelléas et Mélisande“, „Satyagraha“ und „Anatevka“ ein weiteres, herausragend interessantes Musiktheaterwerk des 20. Jahrhunderts an der Komischen Oper Premiere. Calixto Bieito, immer für einen Skandal auf der Opernbühne zu haben, gelingt ein sehenswerter, durchdachter und vor allem im zweiten Teil abwechslungsreicher Opernabend, an dem das Orchester der Komischen Oper unter der musikalischen Leitung des Österreichers Stefan Soltesz zu klanglicher Höchstform aufläuft.

In den 1920er-Jahren zählte der Österreicher mit Wirkungsstätte in Berlin zu den meistgespielten deutschsprachigen Komponisten. Die nationalsozialistische Ideologie verdammte ihn 1933 als „entarteten“ Künstler zum Schweigen, nach dem Krieg geriet er zunächst in Vergessehnehit. Seit einigen Jahren erleben seine Werke eine Renaissance, wobei „Der ferne Klang“ (uraufgeführt 1912) und „Der Schatzgräber“ (1920) neben dem hier besprochenen Werk am bekanntesten sind.

Zur Handlung von "Die Gezeichneten" 

Die Handlung dreht sich um Alviano Salvago, auf der Suche nach wahrhaftiger Liebe. Er ist von Schmerzen geplagt und auf der Flucht vor seinem hässlichen Geheimnis. Er liebt Kinder (im Original zielt sein ekliges Begehren auf Mädchen ab, in dieser Inszenierung auf Mädchen und Jungen). Alviano Salvago unterdrückt seine Lust, hat sich aber ein geheimnisvolles, abgelegenes Refugium geschaffen, sein „Elysium“ (Elysium ist in der griechischen Mythologie die „Insel der Seligen“). Anders als Alviano überlassen sich seine reichen Freunde, allen voran ihr schöner Anführer Tamare, ihren abgründigen, brutalen Lüsten und Neigungen. Immer mehr Kinder verschwinden aus der Stadt und die Angst vor der Entdeckung der schlimmen Verbrechen geht um.

Alviano begegnet Carlotta, einer schönen Künstlerin. Sie schafft Portraits von Menschenseelen. Sie scheut Alviano nicht, sie spricht mit ihm, und während sie an seinem Bildnis arbeitet, öffnet er sich zum ersten Mal einem anderen Menschen. Sie findet einen Weg in Alvianos Innenwelt und darf – nach der Pause – sogar sein „Elysium“ betreten. Doch sie gibt sich Tamare hin, nachdem sie ihr Kunstwerk von Alviano vollendet hat. Jetzt ist er für sie wertlos. Aber Carlottas Porträt enthüllt Alvianos lang verdrängtes Geheimnis: die schaurige Offenbarung seiner inneren Welt folgt. Es kommt zur öffentlichen Katastrophe, in der die drei Hauptfiguren einander in den Abgrund reißen.

Die Inszenierung

Da der erste Teil der Inszenierung auf der hell erleuteten Vorbühne spielt und sonst vermeintlich wenig passiert, scheinen Längen zu entstehen. Aber was gäbe es hier schon groß zu tun, wenn bis zu neun Männer und nur eine Frau auf der Bühne sind? Das Stück kommt etwas schwer in Gang, aber das Faszinierendste ist von Beginn an die Musik. Dazu gleich mehr, aber uns „gefällt“ auch die schonungslose Darstellung der schlimmen Laster der gezeigten Opernfiguren. Bieito fordert sogar auf, genau hinzuschauen, er verheimlicht nichts! Auch die vom Zuschauer einzunehmende Perspektive „von unten nach oben“, beispielsweise bei der großflächigen Projektion des Riesenrades und bei Videoaufnahmen der gewalttätigen Erwachsenen geht besonders unter die Haut.

Im mit psychoanalytischen Symbolen angereicherten zweiten Teil spielt das Regieteam auf der sehr interessanten Bühne von Rebecca Hingst mit überdimensionalen Figuren, deren Interpretation nicht allzu schwierig ist. Große Plüschtiere, überdimensionale Plastikfiguren, aufblasbare Dinosaurier und schließlich eine Bimmelbahn zum Einsteigen, was einem so in Träumen halt widerfährt.

Das sind sogar „schöne“ und interessante Bilder, wenn nur die schreckliche Geschichte drumherum nicht wäre! Schließlich fährt das Trio Alviano, Tamare und Carlotta mit dem Kinderzug in den Abgrund. Von der Insel der Seligen geht es direkt in den Wahnsinn, teils in den Tod. Die Musik, das Stück und schließlich die Interpretation von Calixio Bieito sind so angereichert mit der schon zu Zeiten der Uraufführung aufkeimenden Psychoanalyse, dass man den Alptraum des zweiten Teils nur mit starken Nerven durchsteht. Am Ende stehen Tod und Untergang… Achtung, Wortschöpfung von opernfand.de: Franz Schrekers Oper "Die Gezeichneten" endet in einer „Psychokalypse“!

Die Musik

Franz Schreker ist ein Vertreter der musikalischen Avantgarde. In zeitgenössischen Rezensionen wird er mehrfach in einem Atemzug mit Arnold Schönberg genannt, mit dem er eng befreundet war. Später wird er immer wieder mit Richard Strauss verglichen. Im wie immer in der Komischen Oper sehr lesenswerten Programmheft steht der Dirigent Stefan Soltesz Frage und Antwort und wirft die Frage auf, „bei welchem anderen Komponisten kann man in einer Aufführung innerhalb von fünf Minuten einen Zeitraum von 50 bis 60 Jahren Musikgeschichten durchdirigieren‘“?

Das Werk klingt also sehr abwechslungreich. Manchmal erinnert die Musik an Richard Wagner, kurz darauf an Gustav Mahler. Laut Soltesz klingt manches wie der frühe Schostakowitsch. Und nicht zuletzt hinterließen Claude Debussys Kompositionen einen großen Eindruck auf Schrekers Werk. So würde eine weitere Beschreibung der Klangwelt des Abends stets mangelhaft bleiben, aber fest steht, dass das sehr groß besetzte Orchester der Komischen Oper einen weiteren musikalischen Höhepunkt der Spielzeit gestaltet.

Schließlich steht mit dem ehemaligen Ensemblemitglied Michael Nagy (Tamare), dem britischen Tenor Peter Hoare (Alviano) und der litauischen Sopranistin Ausrine Stundyte (Carlotta) ein vorzügliches Hauptrollen-Trio zur Verfügung, dass über die gesamte Spieldauer der Oper (fast drei Stunden) durchgängig die Abgründe der Figuren darstellt und die sehr schwierigen Partien gewissenhaft meistert.

Für einen romantischen Opernabend ist diese Aufführung nicht unbedingt geeignet, aber wer sich für die wichtigsten Musikwerke des 20. Jahrhunderts und große symphonische Klangwelten interessiert, macht mit einem Opernbesuch von „Die Gezeichneten“ alles richtig. Auch wenn man sich danach von der „Psychokalpyse“ einen Moment lang erholen muss…

Die Gezeichneten
Oper in drei Akten von Franz Schreker [1918]
Dichtung vom Komponisten
In deutscher Sprache

  • Musikalische Leitung: Stefan Soltész
  • Inszenierung: Calixto Bieito
  • Bühnenbild: Rebecca Ringst
  • Licht: Franck Evin
  • Kostüme: Ingo Krügler
  • Dramaturgie: Simon Berger
  • Chöre: David Cavelius
  • Video: Sarah Derendinger

Besetzung der besuchten Premiere

  • Herzog Antoniotto Adorno: Joachim Goltz
  • Tamare: Michael Nagy
  • Lodovico Nardi, Podestà der Stadt Genua: Jens Larsen
  • Carlotta Nardi, seine Tochter: Ausrine Stundyte
  • Alviano Salvago, Genuesischer Edelmann: Peter Hoare
  • Guidobald Usodimare: Adrian Strooper
  • Menaldo Negroni: Ivan Turšic
  • Michelotto Cibo: Tom Erik Lie
  • Gonsalvo Fieschi: Johnathan McCullough
  • Julian Pinelli: Önay Köse
  • Paolo Calvi: Samuli Taskinen
  • Il Capitaneo Di Giustizia: Joachim Goltz
  • Ginevra Scotti: Katarzyna Wlodarczyk
  • Martuccia, Haushälterin bei Salvago: Christiane Oertel
  • Pietro: Christoph Späth
  • Ein Mädchen: Mirka Wagner
  • Ein Jüngling: Emil Lawecki

Sonntag, 21. Januar 2018. Die weiteren Termine entnehmen Sie bitte der Website der Komischen Oper. 

Um die direkt die Termine zu sehen, folgen Sie bitte diesem externen Link. Dort können Sie auch im erwähnten Programmheft blättern!

Kartentelefon: 030 / 47 99 74 00

Karteninfos: Hier entlang  zur Website der Komischen Oper Berlin.

Die Berichterstattung über die Aufführung auf der Website opernfan.de wurde vom Opernhaus unterstützt. Dafür sagen wir herzlichen Dank! 

Letzte Änderung am Samstag, 27 Januar 2018 14:33

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