Il barbiere di Siviglia von Rossini als zeitgenössische Facebook-Oper

  Sonntag, 09 Oktober 2016 23:59

Die Neuproduktion von Il barbiere di Siviglia in der Komischen Oper Berlin wurde am Ende mit stehenden Ovationen gefeiert. Opernfan.de war dabei! 

Traditionen sind dazu da, gebrochen zu werden. Erstmals zeigt die Komische Oper Berlin Il barbiere di Siviglia in der italienischen Originalsprache. Zur Überwindung weiterer Traditionen wird gleich auch noch Kirill Serebrennikov für die Regie der beliebtesten aller Rossini-Opern verpflichtet. Damit nichts schief geht, tönt es durch die Stadt, er sei der spannendste russische Regisseur der Gegenwart. Als Vorschusslorbeeren ist das also schon mal nicht schlecht.

Und damit schreiben wir’s besser gleich zu Beginn: Diese Inszenierung ist ein voller Erfolg und mehr als gelungen. Ein paar Kritikpunkte stehen weiter unten in diesem Text, aber zurecht wurden Sänger, Orchester und das Regieteam bei der Premiere am 9. Oktober 2016 mit großem Applaus bedacht.

Klick auf's Bild führt zur Bildergalerie der Inszenierung. 

Serebrennikov greift während des dreistündigen Abends ganz tief in die Trickkiste der Theater- und Filmregie. Zunächst spielt ein Großteil der Handlung auf dem bewährten Steg des Hauses, der vor den Orchestergraben gebaut werden kann. Später gibt es in Bartolos Haus (er handelt mit etwas uninspiriert drapierten Antiquitäten) bewegliche, vielseitig einsetzbare Stellwände. Sie dienen als Fluchtwege und immer, immer wieder als Auf- und Abgänge für das gut gelaunte Personal der pfiffigen Rossini-Oper. Schließlich sind die weißen Wände am Ende Projektionsfläche für die großen Filmszenen, mit denen die Oper über weite Strecken aufgenommen und sofort projiziert wird. Serebrennikov setzt die nun auch nicht mehr sonderlich neue Regie-Idee der filmischen Projektion des Geschehens geschickt ein und gerade die Sänger landen einige gute Lacher, wenn Sie sich den Weitwinkelobjektiven zu sehr nähern und mit besonders lustigen Projektionen dann überlebensgroß auf den weißen Wänden oder dem hellen Bühnenhorizont zu sehen sind.

Die zweite zentrale Idee der Inszenierung ist die Verwendung zeitgemäßer Sozialer Medien, mit denen die Protagonisten kommunizieren. Im lesenswerten Interview im Programmheft fragen der Dirigent Antonello Manacorda und Kirill Serebrennikov, wer denn heute noch Briefe schreibe, die ja zu Rossinis Zeit noch ein wesentliches Kommunikationsmittel zwischen Verliebten war! So wird in der Inszenierung durchgängig gechattet und gesimst und das bekannte Logo „f“ für Facebook wird zu „f“ wie Figaro. „Figaro qua, Figaro là, Figaro su, Figaro giù!“, Facebook hier, Facebook da! So geht das den ganzen Abend.
Schließlich ist das alles witzig, aber die Rossini-Oper Il barbiere di Siviglia von Rossini ist ja nun kein Schauspiel. Was uns fehlt, ist ein Innehalten zwischen dem ein oder anderen Regieeinfall, damit wenigstens an der ein oder anderen Stelle die grandiosen, zweihundert Jahre alten Musik mit ruhigem Atem gewürdigt werden kann. Die Regie lässt dafür keinen Platz, und so übernehmen die Sängerdarsteller diese Aufgabe wie von selbst.

Tansel Akzeybek als Graf Almaviva ist ein reifer, lyrischer Tenor mit strahlender Durchsetzungskraft und darstellerischer Finesse. Akzeybek hat keine Hemmungen, den gesamten zweiten Teil als Conchita Wurst-Verschnitt daher zu kommen, um schließlich beim Finale den smarten Business-Mann zu geben. Dominik Köninger, ein Bild von einem Friseur, ist stimmlich bestens disponiert. Zu bemerken ist, dass beide Herren eigentlich recht große Stimmen haben, was den beiden Rollenportraits aber sehr zugute kommt. Philipp Meierhöfer als Bartolo füllt die in dieser Inszenierung besonders tragisch angelegte Figur mit unheimlichen Blicken und aufdringlichen Gesten gegenüber Rosina voll aus. Nicole Chevalier ist erfolgreich mit allen Rollen, die man ihr gibt! Als Rosina setzt die vielseitige Sopranistin echt musikalische Höhepunkte, wobei besonders die außergewöhnlich abwechslungsreichen Koloraturen auffallen. Tareq Nazmi als Basilio, Denis Milo als Fiorello und vor allem Julia Giebel als Berta im Fatsuit runden die großartige Ensembleleistung ab.

Antonello Manacorda am Pult nimmt die Hürden der waghalsigen Tempowechsel und der großen dynamischen Veränderungen der Rossini-Musik mit großer Leichtigkeit. Der Herrenchor kommt zuverlässig und spielfreudig daher.
Wie beschrieben hätten wir uns für die Ensembleszenen ein Innehalten oder eine ruhigere Regie gewünscht. Während des Finales des ersten Aktes mischen sich die Stimmen der Solisten und des Herrenchores eigentlich gar nicht, denn die Sängerinnen und Sänger sind „irgendwo“ platziert. Hier fehlt uns die Wertschätzung der Regie gegenüber der Musik-Rossinis.

Ein Fazit des Abends lautet aber, dass diese Inszenierung über Jahre gut laufen wird. Es ist durchaus als positiv zu bewerten, dass gerade Jugendliche mit dieser zeitgenössischen Inszenierung viel anfangen können und das Simsen und Posten von Opernfiguren in Erinnerung bleiben wird. So hat sich das Team um Kirill Serebrennikov im Grunde um das Genre Oper verdient gemacht, denn es wird viele „junge Leute“ ins Opernhaus bringen, denen es gefallen wird….

Rossini: Il barbiere di Siviglia

Commedia in zwei Akten [1816]
Libretto von Cesare Sterbini
nach der Komödie von Pierre Augustin Caron de Beaumarchais
Dauer ca 3 Stunden mit einer Pause. 

  • Musikalische Leitung: Antonello Manacorda
  • Inszenierung, Bühnenbild und Kostüme: Kirill Serebrennikov
  • Co-Bühnenbild: Alexej Tregubov
  • Video: Ilya Shagalov
  • Dramaturgie: Johanna Wall
  • Chöre: David Cavelius
  • Licht: Diego Leetz

Opernfan.de berichtet hier von der Premiere. Die Fotos sind in der offiziellen Fotoprobe ein paar Tage vor der Premiere entstanden. Sie zeigen die unten aufgeführte Premierenbesetzung.  

Besetzung:

Tansel Akzeybek (Graf Almaviva), Philipp Meierhöfer (Bartolo), Nicole Chevalier  (Rosina), Dominik Köninger (Figaro), Tareq Nazmi  (Basilio), Denis Milo  (Fiorello), Julia Giebel (Berta), Chorsolisten der Komischen Oper Berlin u. a.

 

Letzte Änderung am Montag, 10 Oktober 2016 03:44

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