Neuanfang in der Semperoper: Anna Netrebko überstrahlt die Krise

geschrieben von  Alexander Hildebrand

"Aufklang! Don Carlo" hieß es in Dresden. In der Semperoper wurde eine ganz besondere Fassung mit konzertanten Höhepunkten aus Giuseppe Verdis "Don Carlo" aufgeführt. 

Für Anna Netrebko stand die Premiere in Deutschland in der Rolle der Elisabeta, Königin von Spanien in der Oper „Don Carlo“ unmittelbar bevor. Es wäre ein guter Zeitpunkt für die Interpretation der Rolle im Fach jugendlich-dramatisch oder dramatischer Sopran gewesen. Leider fiel dieses Großereignis aus, aber Anna Netrebko als Elisabetta und ihr Ehemann Yusif Eyvazov als Don Carlo waren trotzdem an mehreren Abenden in einer gekürzten Fassung von „Don Carlo“ in der Semperoper in Dresden zu hören.

Die neuen Corona-Opern, ähnlich wie bereits beim „gekürzten“ Rheingold in der Deutschen Oper Berlin, sind vom Ablauf her ähnlich wie das Hören einer Opern-CD, die „Highlights“ oder „Höhepunkte“ heißt. Ansprechende, melodiestarke Arien und Szenen sind immer dabei, aber ruhige Momente, spannende Übergänge oder liebgewonnene Ensemblestellen fehlen. Beim Dresdner „Aufklang! Don Carlo“ fehlte also auch das große Ganze, aber unter der Leitung von Johannes Wulff-Woesten wurde mit einem achtköpfigen Instrumentalensemble und den wesentlichen Hauptrollen der Oper eine 90minütige Fassung präsentiert, die, je nach Sichtweise, als Corona-Kompromiss gerade noch so durchgeht.

Die Anzahl der erlaubten Zuhörer ist übersichtlich. Die ersten fünf Reihen sind frei, um eine mögliche Ausbreitung von Viren von der Bühne ins Publikum zu verhindern. Ansonsten ist im Saal jede zweite Reihe frei. Die Zuhörer sitzen in Paaren, die aus einem Haushalt kommen oder zumindest die Karten im Zweierpack erworben haben. Dazwischen: Zwei Plätze frei. Ein trauriger Anblick, denn sonst treffen sich hier die Opernfans der Welt um musikalische Großereignisse zu feiern, dicht an dicht, wenn auch in der Semperoper mit guter Frischluftzufuhr aus den Stuhllehnen.

Semperoper DonCarlo Anna Netrebko
Applausfoto (vom 19.6.2020) mit Elena Maximova (Prinzessin Eboli), Anna Netrebko (Elisabetta) und Yusif Eyvazov (Don Carlo) | Alle Bilder sehen Sie bei Klick aufs Foto in unserer Bildergalerie | Foto © Semperoper Dresden/Daniel Koch |

Dankenswerter Weise wird aber überhaupt gespielt. Johannes Wulff-Woesten (er leitet die Aufführung mit allergrößter Gelassenheit vom Klavier aus) hat eine attraktive Einrichtung der sonst vierstündigen, aufwändigen Oper geschaffen. Mit Flöte (und Piccoloflöte), Oboe, Englischhorn, Violine, Violoncello, Kontrabass, Harmonium und eben Klavier gelingen die vielschichtigen „Orchester“-Klänge überzeugend und farbenfroh. Sowohl die Begleitung für die trauernden Mönche bringt Atmosphäre, das Filigrane der Schleierarie, die ruppigen Momente zwischen König und Königin und die Untermalung der Verzweiflung zwischen Königin und Infant werden akustisch ausdrucksstark gezeichnet.

Die wesentlichen Arien, Duette, großen Szenen, Terzette, der Königs-Monolog, das Quartett, Posas Tod und die große Schlussszene laufen zügig durch. Ein Verständnis der Handlung kann man in dieser Strichfassung nicht erwarten, aber zwischendrin erzählte Texte wie an einem Galaabend hätten wertvolle Zeit benötigt, die besser mit Musik gefüllt ist. Es sind nur neunzig Minuten erlaubt, oje!

Spürbar ist das Glück der Solisten, nach dreimonatiger Zwangspause wieder auftreten zu können. Gesungen wird auf allerhöchstem Niveau. Alexandros Stavrakakis ist ein leidenschaftlicher Mönch. Der bekanntermaßen extrem metallisch klingende Yusif Eyvazov ist Don Carlo, Infant von Spanien. Sebastian Wartig als Rodrigo (Marquis von Posa) hat sicherlich das schönste Legato seit Dmitri Hvorostovsky in dieser Rolle zu hören war. Prinzessin Eboli wird von der erfahrenen Elena Maximova gesungen, die vor lauter Begeisterung über die Möglichkeit, wieder zu singen, alle Schlusstöne besonders lange aushält.

Schließlich ist Anna Netrebko als Elisabetta im Ausdruck noch eindrücklicher als an vielen zuvor gehörten Abenden. Es gelingt ihr, alles zu überstrahlen. Aufgrund der nur teilweisen Belegung des Zuschauerraumes ist der Nachklang des Saales leicht hallig, was der Wirkung des Netrebkoschen Tones besonders zu Gute kommt. Besonders eindrücklich ist in diesem Setting die Durchschlagskraft ihrer Stimme nachzuvollziehen, denn den im Laufe der Jahre immer voller und letztlich auch wärmer gewordenen Klang sind auch an diesem Abend besonders viele Obertöne „beigemischt“.

Ein Beitrag von Alexander Hildebrand
(Besuchte Vorstellung am 20. Juni 2020, die offiziellen Fotos sind vom 19. Juni 2020) 

Musikalische Gesamtleitung: Johannes Wulff-Woesten
Choreinstudierung : Jan Hoffmann

  • Don Carlo, Infant von Spanien: Yusif Eyvazov
  • Elisabetta, Königin von Spanien: Anna Netrebko
  • Prinzessin Eboli: Elena Maximova
  • Rodrigo, Marquis von Posa: Sebastian Wartig
  • Philipp II., König von Spanien: Tilmann Rönnebeck
  • Ein Mönch: Alexandros Stavrakakis
  • Tebaldo: Mariya Taniguchi

Mitglieder der Sächsischen Staatskapelle Dresden
Solist*innen des Sächsischen Staatsopernchores Dresden

Weitere Infos zu den Aufführungen der Semperoper Dresden auf der Website semperoper.de

Wir danken der Semperoper Dresden für die Unterstützung bei der Berichterstattung. 

 

Letzte Änderung am Montag, 22 Juni 2020 21:23

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