Carmens Schmugglerfreunde betreiben in der neuen Inszenierung an der Deutschen Oper Berlin einen blutigen Organhandel Empfehlung

geschrieben von  Alexander Hildebrand Sonntag, 14 Januar 2018 21:24

Endlich hat die Deutschen Oper eine neue "Carmen"! Der Norweger Ole Anders Tandberg erschuf  für Berlin eine bildstarke Inszenierung...

Für eine neue Inszenierung einer der bekanntesten Opern der Welt, „Carmen“ von George Bizet, braucht es zündende, neue Ideen. Ole Anders Tandberg und sein Regieteam, jetzt verantwortlich für die Neuinszenierung in der Deutschen Oper Berlin, haben sie! Sie stellen eine große, sich drehende, runde Tribüne als beherrschendes Element in den Mittelpunkt der innovativen Produktion. Wie von Intendant Dietmar Schwarz auf der anschließenden Premierenfeier erläutert, ist es geradezu ein technisches Wunder, dass diese auf eine funktionierende Drehbühne aufbauende Produktion überhaupt nur vier Wochen nach dem desaströsen Wasserschaden in der Deutschen Oper Berlin stattfinden konnte. Die Drehbühne des Hauses ist nämlich kaputt, aber es konnte eine aufwändige, neue Lösung gefunden werden, bei der die bereits konzipierte, tonnenschwere Tribünenkonstruktion mit acht Motoren im Kreis bewegt wird. Ein gewisses Gerumpel bei den Drehungen auf offener Szene, leider auch ausgerechnet in der ersten Strophe von Carmens berühmter Habanera, sei somit entschuldigt.

Das Regieteam hat die Handlung etwa in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts verlegt und sich intensiv mit der Frage beschäftigt: Was genau hätten die Schmuggler, denen Carmen sich anschließt, heutzutage oder im 20. Jahrhundert gerne unter die Leute gebracht? Drogen? Nein, dramatisch gesehen zu „gewöhnlich“! Autos? Nein, nicht auf einer Opernbühne darstellbar! Organe? Ja, Organschmuggel! Das lässt sich mit ein paar Handgriffen, ein paar Kisten zur Kühlung und schließlich mit ein paar Extraschichten der Requisite hervorragend bebildern. So ziehen Carmen und ihre Freundinnen ihre Zukunftsvisionen beim „Kartenterzett“ nicht aus „ein paar Karten“, sondern sie spielen mit in Flüssigkeit konservierten Nierchen. Überhaupt sind viele Statisten mit aufgeschnittenen Leibern zu sehen und schließlich schneidet Don José seiner geliebten Carmen am Schluss noch das Herz heraus. Wer kein Blut sehen kann, sollte diese Inszenierung meiden. Wann haben wir zum ersten Mal frisches Fleisch auf der Opernbühne gesehen? 1987 in der Freiburger Produktion von „Die Hamletmaschine“ von Wolfgang Rihm. Seit dem ist viel passiert, aber allein die Fleischbeschau in der Berliner Inszenierung führte zu vorhersehbaren Buhs für das Regieteam am Premierenabend. Sei’s drum, es ist eine gute Idee, den Schmugglern in diesem Stück eine neue Aufgabe zu geben.

Auch durch die Solisten des Abends war diese Premiere ein Erfolg! Mit der französischen Mezzosopranistin Clémentine Margaine, in dieser Rolle bereits in Frankreich, Amerika, Australien, in Dresden und München auf Erfolgskurs, hat die Deutsche Oper eine der charismatischsten Interpretinnen dieser Partie unserer Zeit zur Verfügung. Margaine zeigt bereits in den wenigen Minuten, die die Habanera dauert, welche Entwicklung sie bei Carmen sieht. Die erste Strophe gestaltet sie klanglich als naives Mädchen, während sie kurz darauf am Ende der Habanera bereits die Reife einer unberechenbaren Frau zum Erklingen bringt.
Markus Brück als Stierkämpfer, der in den letzten Jahren elegant zwischen allen interessanten Baritonfächern hin und her pendelte, gibt der eher in das Fach des Kavalierbaritons gehörenden mittelgroßen Rolle des Escamillo eine betörende, goldene Politur.

Heidi Stober als Micaëla findet in der häufig zu süßlich daherkommenden Rolle eine glaubhafte Dramatik. Schön auch, dass in dieser Inszenierung die wahren Geschichten gezeigt werden. Micaëla will Don José nicht nur Heim zur Mutter bringen, sie will ihn wirklich heiraten. Die beiden teilen offensichtlich die Erfahrung ihres erstes Mals miteinander… damals, als sie noch beide sehr jung und in einem spanischen Dorf in der Provinz lebten… und das wird in Andeutungen auch gezeigt.

Der Amerikaner Charles Castronovo als Don José ist schließlich ein Don José wie aus dem Bilderbuch. Er überzeugt als Darsteller und sein Rollendebüt an diesem Abend gestaltet er mit großartigem, interessantem Ausdruck, der ihm seine warme, ausgesprochen schön klingende Tenorstimme ermöglicht.

Ole Anders Tandberg hat zum Glück gute Ideen für den Chor! Seine Auftritte sind abwechslungsreich und die klanglichen Voraussetzungen auf der schrägen Tribüne sind optimal. Ivan Repusic am Pult des meisterlich aufspielenden und an diesem Abend erneut bejubelten Orchesters der Deutschen Oper Berlin meidet Überraschungen. Ihm gelingen an diesem intensiven und herausragenden Opernabend aber opulente Klangbilder genauso wie stille und geheimnisvolle Bögen.

 

Carmen

George Bizet

Oper in vier Akten
Libretto von Henri Meilhac und Ludovic Halévy nach der Novelle von Prosper Mérimée
Uraufführung am 3. März 1875 in Paris
Dauer: 3 Std. 15 Min. (eine Pause)
In französischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Bericht über die Premiere am 20. Januar 2018. 

  • Musikalische Leitung: Ivan Repusic
  • Inszenierung: Ole Anders Tandberg
  • Bühne: Erlend Birkeland
  • Kostüme: Maria Geber
  • Licht: Ellen Ruge
  • Chöre: Jeremy Bines
  • Kinderchor: Christian Lindhorst
  • Choreografie: Silke Sense
  • Dramaturgie: Jörg Königsdorf

 

  • Carmen: Clémentine Margaine
  • Frasquita: Nicole Haslett
  • Mercédès: Jana Kurucová
  • Micaëla: Heidi Stober
  • Don José: Charles Castronovo
  • Moralès: Philipp Jekal
  • Zuniga: Tobias Kehrer
  • Escamillo: Markus Brück
  • Remendado: Ya-Chung Huang
  • Dancairo: Dean Murphy

Kinderchor der Deutschen Oper Berlin
Chor der Deutschen Oper Berlin
Orchester der Deutschen Oper Berlin

Telefonischer Kartenservice der Deutschen Oper Berlin: +49 (30) 343 84-343.

Website mit der Möglichkeit, Karten für die Deutsche Oper Berlin zu bestellen: www.deutscheoperberlin.de

Das Opernhaus Deutsche Oper Berlin ist in der Bismarckstraße 35, 10627 Berlin.
Am bequemsten erreichen Opernfans die Deutsche Oper Berlin mit der U-Bahnlinie U2, Station „Deutsche Oper“.

Wir danken der Deutschen Oper Berlin für die Unterstützung bei der Berichterstattung. 

Letzte Änderung am Sonntag, 21 Januar 2018 12:46

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