Zwei schöne Bassstimmen und ein fieser Fürst in Mussorgskijs "Boris Godunow"

geschrieben von  Alexander Hildebrand Montag, 19 Juni 2017 21:04

Ain Anger und Ante Jerkunica sind in einer neuen Inszenierung von "Boris Godunow" die eindrücklichsten Sänger. Die selten gespielte Oper von Modest Mussorgskij ist in der Deutschen Oper Berlin zu sehen...

Die Oper „Boris Godunow“ ist ein Werk für ein sehr großes Orchester, einen versierten Chor und ein sehr, sehr großes und überwiegend aus Männern bestehendes Solistenensemble. Die Deutsche Oper Berlin erfüllt in der neuen Inszenierung diese schwierigen Anforderungen. Die Inszenierung ist eine Koproduktion mit dem Royal Opera House Covent Garden, wo bereits im Jahre 2016 die eigentliche Premiere stattfand. Seit dem 17. Juni 2017 ist „Boris Godunow“ jetzt auch in Berlin zu sehen. Die erste Aufführung kam beim Publikum sehr gut an.


Die Handlung der Oper Boris Godunow in Kurzform


Blut klebt an den Händen von Boris Godunow. Seine Herrschaft als Zar scheint vom Unglück verfolgt. Das Volk leidet Hunger. Intrigen bestimmen das Leben am Zarenhof. Da taucht in Polen ein junger Mann auf, der behauptet, der vermeintlich als Kind ermordete Zarewitsch Dimitrij zu sein. Er beansprucht den Zarenthron für sich. Er bedroht mit einem Heer Moskau. Die Macht von Boris Godunow zerfällt. Seine alte Blutschuld holt ihn ein. Es war Boris, der vor Jahren den Auftrag gab, Dimitrij zu töten, um damit den letzten Nachkommen Iwan des Schrecklichen zu beseitigen und sich selber den Weg auf den Thron zu ebnen. Nun zahlt er den Preis für die Macht: Verfolgt von seinem Gewissen treibt ihn die Erinnerung an die schreckliche Tat in Wahnsinn und Untergang.

Klick auf's Bild führt Sie zu weiteren Bildern der Oper "Boris Godunow" in der neuen Inszenierung an der Deutschen Oper Berlin!

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Eine der zentralen Ideen der Inszenierung ist die Aufteilung der Bühne in ein „oben“ und „unten“ (siehe Fotos). In einer Art Brücke über der eigentlichen Bühne wird vor allem die Vergangenheit dargestellt. In Comic artigen Darstellungen wird zum Beispiel der Mord des Jungen gezeigt. Die eigentliche Handlung spielt auf der unteren Bühne, die vor allem durch eine häufig eher kalte, kontrastreiche Ausleuchtung eine geheimnisvolle Atmosphäre bekommt (Lichtdesign: Mimi Jordan Sherin).

Die kastenartige Bühne bietet schnelle Umbaumöglichkeiten. Richard Jones (Regie) hat viele pfiffige Ideen, um die einzelnen Szenen in filmartigen, schnellen Übergängen ablaufen zu lassen. Die Schankwirtin in der Wirtshauszene ist zum Beispiel selbst am Hereinschieben ihres Tresens beteiligt, alle Sänger der Szene schieben den Tresen schließlich wieder hinaus. So gleichen auch die kurzweiligen raschen Übergänge die etwas schwierigen Aspekte der Oper aus. Ein Großteil der Begebenheiten wird nämlich nur erzählt oder berichtet, im Stück selbst finden weniger Gefühle „vor Ort“ statt, als es in den meisten Opern der Fall ist. Trotzdem gelingt es durch die starken Bilder der Inszenierung, die Spannung über die pausenlosen 2 Stunden und 15 Minuten aufrecht zu erhalten.

Bis auf die Titelrolle sind alle Sänger der Oper „Boris Godunow“ fest im Ensemble der Deutschen Oper. Burkhard Ulrich hat  keine Hemmungen, den fiesen Charakter seiner Rolle (Fürst Wassili Schuiski) mit Leben zu füllen. Robert Watson stellt den Teenager Grigorij Otrepjew sehr gelungen dar, wird dabei aber durch ein stilvolles Knabenkostüm unterstützt, dass den Darsteller 15 Jahre jünger wirken lässt. Alexei Botnarciuc als Warlaam und Jörg Schörner als Missail sind ein gutes Kneipenduo, dem die Schenkwirtin (Annika Schlicht mit warmem Mezzo-Klang) misstraut.

Ante Jerkunica, zuletzt als Marcel in „Die Hugenotten“ besonders gefühlvoll am Werk, findet für den alten Pimen einen wunderbaren Klang. Seine sehr schöne Bassstimme und sein perfektes Legato ermöglichen einerseits sehr innige Momente und andererseits hörenswerte Forte-Stellen in den bedrohlichen Erinnerungen. Ain Anger als Boris Godunow ist musikalisch und darstellerisch der Star des Abends. Sein Auftritt ist wie gefordert majestätisch, sein musikalischer Ausdruck erst erhaben, dann gefühlvoll. Die Wahnsinnsszene am Ende hat sicherlich auch durch die Anwesenheit von Boris‘ Sohn eine besondere Wirkung. Der weiße, wohl hektisch übergeworfene Pelzmantel und das Auftreten ohne Schuhe sind weitere gute Regieeinfälle, mit denen der Untergang der Titelfigur optisch besiegelt wird.

Maestro Kirill Karabits ist ein Geschenk für dieses Stück. Mit sicheren Gesten ist er vom ersten bis zum letzten Ton und Silbe für Silbe bei den Sängern. Dem Orchester der Deutschen Oper Berlin entlockt er große, symphonische Klänge, schön gestaltete Soli und am Ende einen hellen Schlussakkord, auf den nur noch einige immer leiser werdende Töne der Pauke folgen, die „in die Ewigkeit“ weisen.

Der Chor und die Herren des Extrachores haben für diesen Abend unter der Leitung von Raymond Hughes einen sehr ausgewogenen Klang entwickelt. Besonders positiv fallen die genaue dynamische Ausgewogenheit zwischen Chor und Orchester und das kernige Zentrum des Chorklanges auf.

Die selten aufgeführte, einzige vollendete Oper von Mussorgskij bietet einen interessanten Opernabend für Opernfans. Sie ist aber auch eine gute Möglichkeit, die vielseitige Klangwelt des russischen Komponisten zu ergründen, wenn man nur sein berühmtestes Werk kennt: „Bilder einer Ausstellung“.

Premiere am 17. Juni 2017.
Deutsche Oper Berlin
Berlin, Deutschland

Oper in vier Teilen und sieben Bildern
Libretto von Modest P. Mussorgskij nach Alexander Puschkins Drama sowie Nikolai Karamsins „Geschichte des russischen Reiches“
Fassung von 1869 („Ur-Boris“)

Musikalische Leitung: Kirill Karabits

  • Inszenierung: Richard Jones  
  • Szenische Einstudierung: Elaine Kidd
  • Bühne: Miriam Buether
  • Kostüme: Nicky Gillibrand
  • Movement Director: Silke Sense
  • Licht: Mimi Jordan Sherin
  • Chöre: Raymond Hughes
  • Leitung Kinderchor: Christian Lindhorst
  • Dramaturgie: Sebastian Hanusa
  • Boris Godunow: Ain Anger
  • Fjodor: Philipp Ammer
  • Xenia: Alexandra Hutton
  • Xenias Amme: Ronnita Miller
  • Fürst Wassili Schuiskij: Burkhard Ulrich
  • Andrej Schtschelkalow: Dong-Hwan Lee
  • Pimen: Ante Jerkunica
  • Grigorij Otrepjew: Robert Watson
  • Warlaam: Ievgen Orlov
  • Schenkwirtin: Annika Schlicht
  • Missaïl: Jörg Schörner
  • Gottesnarr: Matthew Newlin
  • Mikititsch: Andrew Harris
  • Leibbojar: Andrew Dickinson
  • Mitjuch: Stephen Bronk
  • Grenzpolizist: Samuel Dale Johnson

Das Orchester der Deutschen Oper Berlin

Chor, Herren-Extrachor und Kinderchor der Deutschen Oper Berlin

Auf Russisch mit deutschen und englischen Übertiteln

2.15 Stunden  ohne Pause

Telefonischer Kartenservice der Deutschen Oper Berlin: +49 (30) 343 84-343.

Website mit der Möglichkeit, Karten für die Deutsche Oper Berlin zu bestellen: www.deutscheoperberlin.de

Das Opernhaus Deutsche Oper Berlin ist in der Bismarckstraße 35, 10627 Berlin.
Am bequemsten erreichen Opernfans die Deutsche Oper Berlin mit der U-Bahnlinie U2, Station „Deutsche Oper“.

Letzte Änderung am Montag, 19 Juni 2017 22:40

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