Vielschichtige, große Oper "Die Hugenotten" ist sehens- und hörenswert

  Montag, 14 November 2016 20:22

Eine Neuinszenierung von "Die Hugenotten" von Giacomo Meyerbeer ist in Berlin mit tosendem Beifall gefeiert worden... 

Die Oper „Die Hugenotten“ feierte in Berlin eine umjubelte Premiere. Als mittlerer Teil eines dreiteiligen Zyklus mit den Werken von Giacomo Meyerbeer präsentiert die Deutsche Oper das 1836 an der Pariser Oper uraufgeführtes Mammutwerk. Beim genauen Hinhören wird klar, warum diese „Grand Opéra“ im 19. Jahrhundert eine Richtung weisendes Werk war. Beim genauen Hinsehen ist auch verständlich, warum sich die Deutsche Oper erneut (nach einer Aufführungsserie   vor rund 30 Jahren) an diesem aufwändigen Stück versucht. „Die Hugenotten“ haben einfach alles, was Opernkenner und Opernfans begeistert.

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Zunächst spiegelt die Handlung vielschichtige gesellschaftliche Konflikte wider. Sie spielt im 16. Jahrhundert zur Zeit des schauerlichen französischen Bürgerkrieges zwischen Katholiken und Hugenotten, den französischen Protestanten. So geben die gesellschaftlichen Grundkonflikte der großen Glaubensrichtungen Stoff für die großen Massenszenen. Die zahlreichen intimeren Momente der Oper drehen sich stets um die bekannte Frage, nämlich wer liebt wen und wer gelangt wo zum Ziel. Im Mittelpunkt stehen dabei die Liebe zwischen dem Protestanten Raoul und der Katholikin Valentine. Die jungen Leute leben gefährlich. Am Ende metzeln die Katholiken die Hugenotten nieder. Dabei kommen auch die drei zentralen Figuren der Oper ums Leben: Marcel, ein treuer, sympathischer Diener, Valentine, die hübsche Katholikin und schließlich Raoul, hormongesteuerter, protestantischer Jungspund.

David Alden, an der Deutschen Oper Berlin zuletzt mit „Billy Budd“ von Benjamin Britten sehr erfolgreich, inszeniert gewissenhaft und ideenreich. Schon in der Anlage zwischen operettenhaftem ersten Akt und einem düsteren Flammeninferno ist das Stück ein Geniestreich. Alden nutzt die Gunst und verzaubert mit stilsicherem Witz (Die Königin wirft Glas und Blumenkranz unter Absingen der höchsten Töne hinter sich), eleganter Optik (schwere Ledersofas liegen voll im Trend) und treffsicherer Dramatik (die brennenden Kreuze am Ende erinnern sofort an das Flammeninferno von Brünnhilde und Wotan, namentlich in der bekannten Walküren- Inszenierung von Götz Friedrich).

Meyerbeer war ein großes Vorbild für Richard Wagner. Die Oper „Die Hugenotten“ macht verständlich, dass der Schöpfer des späteren Mammutwerkes „Der Ring des Nibelungen“ sich beim Hauptkomponisten der Gattung „Grand Opéra“ viele Inspirationen geholt hat. Das betrifft die Bläsersätze, die Instrumentierung und nicht zuletzt den Mut, halbstündige Szenen fast nur mit Männern oder nur mit Frauen zu besetzen.

Maestro Michele Mariotti gestaltet einen üppigen Orchesterklang in den Tutti-Passagen und gibt gleichzeitig den Instrumentalsolisten ausreichend viele Gelegenheiten, sich zu profilieren. Olesya Golovneva als Valentine kommt meist sehr lyrisch daher, wobei sich ihr klarer Sopran ideal mit dem schlanken, schnörkellosen Tenor von Juan Diego Flórez zusammenfügt. Patrizia Ciofi, dramatischer Koloratursopran mit Edita-Gruberova-Tönen, hat in den letzten Jahrzehnten eine große Karriere abseits des Medienrummels hingelegt. Sie ist eine Aufsehen erregende Marguerite von Valois. Ihre Koloraturen sitzen pointiert und treffsicher. Schön, dass sie für ein paar „gespielt spontan“ eingefügte Takte aus den Koloraturen von Lucia di Lammermoor beim Berliner Publikum einen Lacher erntet. Schön auch, dass zahlreiche Opernfans unter den anwesenden Premierengästen den musikalischen Gag gleich erkannt haben.

Schließlich sind noch die herausragenden stimmlichen Leistungen von Ante Jerkunica als herzerweichender, treuer Diener Marcel zu erwähnen. Sehr guten Applaus bekam zurecht auch Irene Roberts. Als Page Urbain (im Cherubino-Stil Mozarts) ist besonders ihr musikalischer Ausdruck im Finale des ersten Aktes zu loben. Ihre hohen Spitzentöne waren sogar in den Tutti-Stellen mit dem großen Orchester, den Herrensolisten und dem Herrenchor noch gut zu hören.

Juan Diego Flórez nimmt am Ende des großen Opernabends auf eine sehr lockere Weise seinen großen Applaus entgegen. Es scheint ihm bewusst zu sein, dass so eine „Grand Opéra“ nur als Ensembleleistung funktioniert. Der zwölfminütige, tosende Applaus war schließlich zurecht einer der intensivsten und freudigsten der letzten Jahre in den Premieren an der Deutschen Oper Berlin. Ein paar lächerliche und unberechtigte Buhs für die Regie gingen schnell in der feierlichen Stimmung am Ende dieses großen Opernabends unter.

Giacomo Meyerbeer (1791 bis 1864)

Die Hugenotten

Grand Opéra in fünf Akten.
Libretto von Eugène Scribe und Émile Deschamps
Dauer: 5 Stunden inklusive zweier Pausen (4 Stunden Musik) 
In französischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

  • Musikalische Leitung: Michele Mariotti
  • Regie: David Alden
  • Bühne:Giles Cadle 
  • Kostüme: Constance Hoffmann
  • Licht: Adam Silverman
  • Chöre: Raymond Hughes
  • Choreografie: Marcel Leemann
  • Dramaturgie: Jörg Königsdorf und Curt A. Roesler

Die Sängerinnen und Sänger der besuchten Premiere: 

  • Marguerite von Valois: Patrizia Ciofi

  • Graf von Saint-Bris: Derek Welton

  • Graf von Nevers: Marc Barrard

  • Valentine: Olesya Golovneva

  • Urbain: Irene Roberts

  • Tavannes: Paul Kaufmann

  • Cossé: Andrew Dickinson

  • Méru: John Carpenter

  • Thoré / Maurevert: Alexei Botnarciuc

  • de Retz: Stephen Bronk

  • Raoul von Nangis: Juan Diego Flórez

  • Marcel: Ante Jerkunica

  • Bois-Rosé: Robert Watson

  • Ein Nachtwächter: Ben Wager

  • Zwei Hofdamen/Zwei katholische Mädchen: Adriana Ferfezka, Abigail Levis

     

Orchester und Chor der Deutschen Oper Berlin.
Extra-Chor der Deutschen Oper Berlin. 
Das Opernballett der Deutschen Oper Berlin. 
Die Statisterie der Deutschen Oper Berlin. 

Besuchte Premiere am 13. November 2016. 

Telefonischer Kartenservice der Deutschen Oper Berlin: +49 (30) 343 84-343.

Website mit der Möglichkeit, Karten für die Deutsche Oper Berlin zu bestellen: www.deutscheoperberlin.de

Das Opernhaus Deutsche Oper Berlin ist in der Bismarckstraße 35, 10627 Berlin.
Am bequemsten erreichen Opernfans die Deutsche Oper Berlin mit der U-Bahnlinie U2, Station „Deutsche Oper“.

Letzte Änderung am Montag, 14 November 2016 20:43
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