Oper „Morgen und Abend“ ist ein auskomponiertes Nahtoderlebnis

geschrieben von  Alexander Hildebrand Freitag, 29 April 2016 17:06

Die neue Oper "Morgen und Abend" des zeitgenössischen Komponisten erlebt in der Deutschen Oper Berlin seine deutsche Erstaufführung. Der Abend ist ein vielschichtiges Klangerlebnis. 

Bleiche Hauptfiguren mit Kleidung wie im Ascheregen eines Vulkanausbruchs. Ein Bett, ein Boot, Stühle, eine Tür auf einer drehbaren Bühne. Alles in dreckigem Weiß oder grau getüncht. Die Oper „Morgen und Abend“ ist das siebte Musiktheaterwerk des österreichischen Komponisten von Georg Friedrich Haas und eine Auftragsproduktion der Deutschen Oper Berlin. Die interessante Inszenierung von Graham Vick hatte an der Deutschen Oper Berlin ihre deutsche Erstaufführung.

Der Morgen. Der Fischer Olai (rhythmisch genau zur Musik sprechend: Klaus Maria Brandauer) erwartet die Geburt seines Kindes. Die Hebamme ist bei Olais Frau Signe. Der alte Fischer versetzt sich noch vor der guten Nachricht über die Geburt seines Sohnes gedanklich in ihn hinein und erlebt die Geburt durch seiner Einbildungskraft mit. Die Hebammer berichtet kurz darauf, dass es Mutter und Sohn gut geht. Olai gibt seinem Nachkommen den Namen Johannes. Dann endet die Erzählung um den Fischer.

Der Abend. Im sich nahtlos anschließenden zweiten Teil geht es um den Tod des nun schon älteren Johannes, der wie sein Vater Fischer war und nun im Ruhestand ist. Seine Frau Erna ist bereits verstorben und die Tochter Signe, benannt nach ihrer Mutter, kümmert sich regelmäßig um ihren Vater.

Johannes erwacht eines Morgens und erlebt eine völlig veränderte Welt. Auch sein Körper ist verändert, außerdem begegnet er seiner verstorbenen Frau und seinem bereits toten Freund Peter. Signe kommt, geht aber durch ihn hindurch, was ihn verzweifeln lässt. Bald versteht Johannes, dass er bereits tot ist. Peter sagt, er sei gekommen, um ihn beim Abschied vom Leben zu begleiten. Johannes überschreitet die Grenze des Todes. In den letzten Takten der Oper berichtet Signe von der Beerdigung ihres Vaters.

Helena Rasker (Erna), Christoph Pohl (Johannes), Will Hartmann (Peter)
Die Rolle des Olai ist eine Sprechrolle und wurde für Klaus Maria Brandauer geschrieben.
Helena Rasker (Erna), Christoph Pohl (Johannes), Sarah Wegener (Signe).
Will Hartmann (Peter), Christoph Pohl (Johannes)

Georg Friedrich Haas, für ausgefallene musikalische Anweisungen bekannt, („Bei vollkommener Dunkelheit zu spielen“), erschafft eine mitreißende Klangwelt. Er durchbricht mit seinem feinen, avantgardistischen Musikstil selbst jüngste kompositorische Konventionen. Die Oper „Morgen und Abend“ ist ein langer, faszinierender, fein gewebter Klangteppich in den schillerndsten musikalischen Farben. Das Orchester brilliert mit leisen, feinen Tönen, einer aufwändig zu erlernenden bis zu zweiundzwanzigfachen Streicherteilung und konzentrierten Bläsern. Von den optisch beeindruckenden Podeste links und rechts im Zuschauerraum, oberhalb des Orchestergrabens, spielen zwei Schlagzeuger interessanteste Effekte mit Xylophonen, Schlagwerk und Trommeln aller Art.

Georg Friedrich Haas beschreibt im Programmheft genau die selbstgestellten hohen Ansprüche an seine Kompositionen: Sie sollen das Innerste nach außen bringen und große Emotionen in Klang umsetzen. Die Oper bringt stets nachvollziehbare, abwechslungsreiche und vielschichtige tonale Erfindungen zu Gehör.

Wie schon bei der Uraufführung in London kann der zuverlässige musikalische Leiter Michael Boder auf ein erstklassiges Solistenensemble setzen. Die schwierigen Partien mit komplizierten Viertel-, gar Sechsteltönen, schwer zu erlernenden Tonsprüngen und halsbrecherischen Glissandi werden von allen Solisten hervorragend gemeistert. Fast eine Stunde am Stück zu singen ist für Christoph Pohl (Johannes) eine scheinbar leicht zu bewältigende Aufgabe. Sarah Wegener in der Doppelrolle Hebamme / Tocher Signe bringt schöne Spitzentöne und klaren Ausdruck. Helen Rasker als verstorbene Frau Erna singt die sehr schmalen Tonabstände treffsicher. Interessant und aussdrucksstark erscheinen besonders die kurzen tiefen Phrasen ihrer schwierigen Partie. Will Hartmann als verstorbener Freund Peter gibt dem Ensemble tenoralen, lieblichen Schwung. 

Klaus Maria Brandauer trägt die Handlung anfangs sogar 45 Minuten ganz alleine, was als Schauspieler in einer Oper besondere Anerkennung verdient. Die Harmonie zwischen seinem unaufgeregten Duktus und der vielschichten Musik tut gut. Allerdings hätte der alte Olai ein paar Gänge oder große Gesten verdient gehabt. Das fast ausschließliche Sitzen auf dem Erzählstuhl vorne rechts lässt die Figur etwas kleiner wirken, als sie ist.

Weniger ist mehr ist in dieser Inszenierung schließlich die wichtigste Regel. Das Bühnenbild und die Bewegungen der Figuren durch den Raum sind auf das Wesentliche reduziert. Dank einer ausgeklügelten, aber ebenfalls schlichten Lichtregie halten sich die musikalischen Effekte und die Bühneneffekte in etwa die Waage. Interessant, wie ein großer, heller Scheinwerfer vom Morgen zum Abend, von Beginn bis zum Ende der Oper, eine Bahn über die Bühne beschreibt wie die Sonne am Firmament. Es geht von „rechts unter dem Horizont“, also von Osten her, wo die Sonne aufgeht, über den Zenit nach „links unten“, also in den Westen, wo die Sonne untergeht.

Beleuchtet durch das gleißende Licht des mehrere Tausend Watt starken Scheinwerfers erleben die Zuschauer schließlich den Tod des Johannes. Die Lichtquelle ist jetzt gedreht und flutet den Zuschauerraum mit einem breiten, grellen Strahl. Alle Zuhörer sind geblendet. Dabei stirbt Johannes und gelangt in die Welt, „in der es keine Körper gibt“. Der Komponist hatte als Vierzehnjähriger während einer Operation ein Nahtoderlebnis. Das verarbeitet er nun in seiner sehr spannenden Musik. Diese Grenzerfahrung zwischen Leben und Tod, nach der fast alle Betroffenen von einem hellen, blendenden Licht berichten, bebildert die Regie am Ende der Oper sogar für das Publikum im Zuschauerraum.

Georg Friedrich Haas

MORGEN UND ABEND

Deutsche Erstaufführung

Musiktheater nach dem Roman „Morgen und Abend“ [Morgon og kveld] von Jon Fosse
Eine Koproduktion mit dem Royal Opera House Covent Garden, London
Uraufführung am 13. November 2015 am Royal Opera House Covent Garden in London
In deutscher Sprache mit englischen Übertiteln. Der deutsche Text läuft als besonderer Einfall des Regieteams auf der Rückseite der Bühne mit und ist Teil des ästhetischen Gesamteindrucks. 

Dauer: 1 Stunde, 30 Minuten, ohne Pause.

Musikalische Leitung: Michael Boder, Regie: Graham Vick, Bühne und Kostüme: Richard Hudson.

Licht: Giuseppe Di Iorio, Video: 59productions, Chöre: William Spaulding, Dramaturgie: Sebastian Hanusa.

Johannes: Christoph Pohl: Erna: Helena Rasker, Signe / Hebamme: Sarah Wegener, Peter: Will Hartmann, Olai: Klaus Maria Brandauer.

Chor und Orchester der Deutschen Oper Berlin

Premiere am 29. April 2016 um 19.30 Uhr, opernfan.de berichtet hier von der Premiere. 

Drei weitere Vorstellungen stehen im Mai 2016 auf dem Spielplan. Infos zu den Aufführungen der Deutschen Oper Berlin und telefonischer Kartenservice +49 (30) 343 84-343. Wenn Sie diese Website mit einem Smarphone anschauen, können Sie einfach hier klicken, um die Opernkasse zu erreichen: +493034384343. 

Website mit der Möglichkeit, Karten zu bestellen: www.deutscheoperberlin.de

Das Opernhaus Deutsche Oper Berlin ist in der Bismarckstraße 35, 10627 Berlin.
Am bequemsten erreichen Opernfans die Deutsche Oper Berlin mit der U-Bahnlinie U2, Station „Deutsche Oper“.  _ 

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