Triumph für Evelyn Herlizius als Grande Dame des ewigen Lebens

  Sonntag, 21 Februar 2016 10:43

Dunkle Geheimnisse und ein Science-Fiction haftes nebeneinander von damals und heute: Die Sache Makropulos feiert Premiere an der Deutschen Oper Berlin. 

Die Handlung der Oper Die Sache Makropulos ist eine Kriminalgeschichte. Die Hauptfigur Emilia Marty, kurz E. M., eine berühmte Sängerin, ist Zeugin in einem seit Jahrhunderten schwelenden Erbschaftsprozess. Ihr historisches Detailwissen lässt die Beteiligten aufhorchen und die berühmte Operndiva wird selbst zum Objekt des Interesses. Sie hat aber nur ein Ziel: Sie will an die Rezeptur eines Elixiers kommen, dass ihr nach 300 Jahren das Leben nochmals um 300 Jahre verlängert.

Im zweiten Akt steht die mehr als 300 Jahre alte Emilia Marty im Zentrum der Begehrlichkeiten. Einerseits hält sie die Fäden in der Hand, andererseits gehen die Damen und Herren der feinen Gesellschaft auf sie los. Alle wollen etwas von ihr, alle wollen ihr Geheimnis lüften, aber E. M. möchte nur das Dokument mit der Rezeptur für das ewige Leben. Für Liebesdienste während einer gemeinsamen Nacht erhält sie schließlich die verlangte griechische Handschrift für das Elixier.

Der dritte Akt ist ein spannender Showdown. E. M. muss alles preisgeben, ihr wahres Alter von mehr als 300 Jahren erklären und die Bedeutung der Rezeptur erläutern. Das Stück endet tragisch, aber überraschend! Fünf junge Frauen, allesamt personifizierte Erinnerungen aus Emilias Vergangenheit, verspeisen die Rezeptur. Emilia Marty gibt auf. Sie scheint in eine neue Bewusstseinsstufe zu gelangen. Sie erkennt den Unsinn von weiteren 300 Lebensjahren. Mit einem letzten Blick auf ihre schwere Vergangenheit endet diese beeindruckende Oper und das Leben der Sängerin Emilia Marty.

Klick auf's Bild führt zur Bildergalerie der Inszenierung. 

 

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Das Regieteam um David Hermann findet elegante Lösungen für den schwierigen Stoff. Die Oper Die Sache Makropulos ist derart voraussetzungsvoll, dass jede optische Darstellung der komplizierten Sachverhalte mehr als willkommen ist. Bereits im ersten Akt unterstützt die doppelte Darstellung der Handlung das Verständnis der Geschichte. Links sehen wir, dargestellt von fast synchron agierenden Statisten, Emilias früheres Leben. Rechts spielt die eigentliche Handlung. Gerade die Übergänge auf einer gedachten, Science-Fiction haften Zeitachse sind hochinteressant. Eindrücklich spielt Evelyn Herlizius die zeitliche Doppelbödigkeit. Sie staunt über den Rückblick auf ihr eigenes Leben, sie schaut liebevoll nach ihrem eigenen Kind, dass sie damals nicht großziehen durfte und schließlich schaut sie, genau auf der Zeitachse stehend, ihrem historischen Alter Ego tief in die Augen.

Die Hauptfigur ist optisch vorteilhaft und bühnenwirksam als berühmte Operndiva inszeniert. Schon während der ersten Takte steht Emilia Marty wie nach einer Sternstunde ihrer Bühnenkunst vor einem großen weißen Vorhang im gleißenden Licht. Während des gesamten Abends nimmt sie große theatralische Gesten ein, trägt schöne Kleider und ist die die unwiderstehliche Grande Dame des ewigen Lebens.

Gerade für die psychologisch interessantesten Aspekte der Hauptrolle findet David Hermann auch die stärksten Bilder. Jeder Erwachsene spürt gelegentlich die Geister der Vergangenheit und muss ihnen einen Platz auf der inneren Bühne einräumen. Bei dieser Inszenierung ist es im ersten Akt gleich ein Drittel des Bühnenraumes, der die dunklen Geheimnisse der E. M. widerspiegelt und das große Leid verdeutlicht, dass ein so langes Leben im Inneren hinterlassen kann.

Andersherum blicken viele von uns gelegentlich neugierig zurück und beschäftigen sich mit der eigenen, inneren Geschichte. Genau wie Evelyn Herlizius als Emilia Marty im ersten Akt aus der Gegenwart in die Vergangenheit blickt, sehen wir Erlebnisse von früher vor unserem inneren Auge. Faszinierend ist dabei die inszenierte Gleichzeitigkeit der Bilder. Im Film wäre „Rückblende“ das Mittel der Wahl, hier passiert alles gleichzeitig. Toll, dass so ein auf der Opernbühne sehr selten einsetzbarer Effekt hier verwendet wird.
Das Regieteam verstärkt die früheren Erlebnisse der Hauptfigur zusätzlich durch fünf junge Frauen, die geisterhaft verschiedene Theaterrollen der Operndiva darstellen. Emilia war einst Carmen, dann wieder Königin Elisabeth. Ihre früheren Erlebnisse werden so noch präsenter und für den Opernbesucher noch verständlicher.

Donald Runnicles ist der ideale Dirigent für diese extrem schwierige Partitur. Kein Takt ist wie der vorherige, die Tempowechsel sind schnell, die Dynamik ändert sich oft und überraschend. Der Generalmusikdirektor geleitet vor allem die stark geforderten Bläser zuverlässig durch den Abend. Das Orchester der Deutschen Oper Berlin spielt transparent und präzise.

Während wir hier ja fast ausschließlich über E. M. schreiben, sind auch sämtliche Nebenfiguren darstellerisch und sängerisch sehr gut besetzt. Ladislav Elgr ist zum Beispiel ein gespenstischer Albert Gregor, Seth Carico ein starker, zynischer Doktor Kolenaty. Hervorragend geschauspielert wird übrigens in allen großen, aber auch in den kleinsten Rollen!
Im Mittelpunkt des Abends steht Evelyn Herlizius als Emilia Marty. Die beliebte Darstellerin, es ist ihr Rollendebut, ist ausdrucksstark und spielfreudig. Mit jugendlichem Charme gestaltet die 52 jährige die anspruchsvolle Rolle nuancenreich und vielschichtig. Das Premierenpublikum ist begeistert, wobei Evelyn Herlizius den meisten Applaus bekommt. 

Leoš Janácek

Die Sache Makropulos

Oper in drei Akten.
Libretto von Leoš Janácek nach der Komödie von Karel Capek.
Dauer: 2 Std. 15 Min., mit einer Pause
In tschechischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

  • Musikalische Leitung: Donald Runnicles
  • Regie: David Hermann
  • Bühne und Kostüme: Christof Hetzer
  • Videodesign: Martin Eidenberger
  • Licht: Ulrich Niepel
  • Chor: William Spaulding
  • Dramaturgie: Yvonne Gebauer, Anne Oppermann

Die Sängerinnen und Sänger der besuchten Premiere: 

  • Emilia Marty: Evelyn Herlitzius
  • Albert Gregor: Ladislav Elgr
  • Vítek: Paul Kaufmann
  • Krista: Jana Kurucová
  • Baron Jaroslav Prus: Derek Welton
  • Janek: Gideon Poppe
  • Doktor Kolenatý: Seth Carico
  • Ein Theatermaschinist: Andrew Harris
  • Eine Aufräumefrau: Rebecca Raffell
  • Hauk-Šendorf: Robert Gambill
  • Kammerzofe: Adriana Ferfezka

Orchester und Chor der Deutschen Oper Berlin.

Telefonischer Kartenservice der Deutschen Oper Berlin: +49 (30) 343 84-343.

Website mit der Möglichkeit, Karten für die Deutsche Oper Berlin zu bestellen: www.deutscheoperberlin.de

Das Opernhaus Deutsche Oper Berlin ist in der Bismarckstraße 35, 10627 Berlin.
Am bequemsten erreichen Opernfans die Deutsche Oper Berlin mit der U-Bahnlinie U2, Station „Deutsche Oper“.

Gelesen 7641 mal Letzte Änderung am Sonntag, 25 September 2016 10:18
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